Stacks Image 887

© kudryshanna/Fotolia.com

Geschichten, die der
Winter schreibt

Meinhard Ansohn

Zu den schwierigeren Seiten des Musikunterrichts gehört das Leise. Der Winter als Lebenserfahrung schafft Möglichkeiten, jenseits vom Skihütten-
schlager und großen Filmmusical dem Leisen einen assoziativen Hintergrund zu geben.

In der Gruppe erzählen

„Man sagt, der Winter schreibt seine eigenen Geschichten. Wie kann es sein, dass der Winter Geschichten schreibt? Kann er überhaupt schreiben? Womit und wohin schreibt er seine Geschichten? Wer kann sie lesen? Wie klingt das, was der Winter so von sich schreibt?“
Das kann schon ein Einstieg ins gemeinsame Erzählen sein. Im Stuhlkreis oder an den Tischen in der Klasse erzählen die Kinder Erlebnisse aus dem Winter. Vom ersten Schnee, von Schneeballschlachten und Rodelausflügen, vom Frieren draußen und dem warmen Kakao zu Hause, vom Eis, Schlittern, Schlittschuhlaufen, vom Hinfallen und vom Aufstehen und vielem mehr.
Das Zuhören muss geübt werden. Das ist nicht nur im Fach Deutsch so, sondern erst recht im Fach Musik. Das Zuhören ist quasi fächerübergreifend. Und das Zuhören macht musikalische Erfahrungen intensiver. Und das Erzählen muss auch geübt werden. Wir möchten, dass das, was wir sagen, bei den Anderen ankommt. Dann müssen wir auch ein paar Regeln beachten.
Nicht jede Klasse schafft das bis zum Ende der Grundschulzeit, aber jede kann es versuchen: Erzählen ohne sich melden zu müssen. Beispiel Stuhlkreis: Wir achten darauf, dass wir so bequem wie möglich sitzen, nicht zu enge Abstände, jeder kann jeden sehen. Wir müssen leise werden, um wahrzunehmen, bei wem eine Geschichte anfängt und wann sie aufhört. Die Regeln werden erklärt: „Wir erzählen gleich etwas zu einem bestimmten Thema. Jeder darf erzählen, aber nie zwei gleichzeitig. Beim Erzählen versuchst du nicht mehr als von einer Sache zu erzählen. Oft reichen drei bis sieben Sätze. Achte darauf, dass du beim Thema bleibst! Wenn ein Kind fertig ist, darf ein anderes erzählen ohne sich zu melden. Wenn mehrere gleichzeitig anfangen, versucht ihr mit Blicken zu klären, wer weitermachen darf. Wenn du weißt, dass du dir deine Sache merken kannst, lass Anderen den Vortritt. Wenn das zu schwierig ist, ist die Lehrerin Schiedsrichterin und entscheidet, wer weitermachen darf. Unsere Runde ist zu Ende, wenn wir merken, dass es unruhig wird, weil wir nicht mehr gut sitzen und zuhören können. Dann gibt es später mal wieder eine neue Runde.

Schneefantasien

A - Der erste Schnee
Eine solche Erzählrunde kann, wenn es geschneit hat, zum Thema „Der erste Schnee“1 sein. Ich beginne am besten mit einer authentischen Begebenheit. Beispiel „Im letzten Winter hat es um diese Zeit schon geschneit. Ich erinnere mich, wie ich einkaufen war und die Tasche voller Mandarinen hatte. Dann schneite es plötzlich und als ich zu Hause ankam, waren auf den Früchten in meiner Tasche lauter Hütchen aus Schnee. Das sah aus wie Schlagsahne“. Die Kinder erzählen vom ersten Schnee, vom Schneien, von Schneeflocken. An der Tafel können Adjektive zum Thema gesammelt werden, z. B. glitzernd, leicht, hell, weich, leise, glänzend. „Wenn ihr mögt, machen wir morgen wieder eine Erzählrunde.“

B - Allein im Schnee
Unser Thema am nächsten Tag ist „Allein im Schnee“. Startbeispiel: „Neulich abends habe ich einen Freund besuchen wollen, bei dem ich lange nicht war. Er wohnt in einem Dorf und ich wusste die Adresse nicht genau, nur wie die Straße am Rand des Waldes aussah. Es hatte geschneit und nun sahen fast alle Straßen gleich aus. Ich hatte mein Handy vergessen und musste jetzt im Dunkeln hin- und herlaufen. Irgendwie war es schön, aber irgendwie auch unheimlich.“ Auch hier können Adjektive an der Tafel gesammelt werden, z. B. kalt, schrecklich, gefährlich, eisig, unheimlich, scheußlich.

C - Musik zu zwei Schneethemen
In einer Musikstunde nehmen wir solche Themen wieder auf. Am Beispiel des ersten und des unheimlichen Schnees konstruieren wir emotionale Gegensätze, die wir mit Instrumenten in Musik umsetzen können. Die gesammelten Adjektive können dabei helfen.


Der Winter ist ein alter Mann – oder?

In Mitteleuropa wird der Jahreslauf in vier Jahreszeiten eingeteilt. Das ist nicht überall auf der Welt so und auch bei uns verändern sich Klima und Wetter allmählich. Trotzdem nehmen wir immer noch das Jahr als Etappen einer Entwicklung wahr, die in ihren Bebilderungen an menschliche Lebenszyklen erinnern: Nach dem Erblühen neuen Lebens, dann der Reifezeit und der Ernte- und Ruhezeit sehen wir vom Winter meistens das Bild des alten, oft bärtigen, eingemummelten Mannes, mal als „Väterchen Frost“, mal als strengen, kalten, trockenen Ostwind. Durch den zeitlichen Zusammenhang von Weihnachten und Winter bei uns, sind auch Figuren wie Knecht Rupprecht und sein Schlitten oder der Weihnachtsmann solche, die sofort an Winter erinnern und den Schnee in die Fantasie bringen, selbst wenn er seltener geworden ist.


Bildschirmfoto 2017-11-28 um 13.58.27 Kopie
Der Winter, ein alter Mann? Illustration Silke Reimers


Ich bin der Winter – ein Rhythmusvers

Wir spielen den alten Winter. In langsamen Schritten („Halben“) gehen wir hin und her oder durch den Raum, die Lehrkraft spricht vor, die SchülerInnen sprechen nach:
Ich bin der Winter und ich bin schon alt. /
Immer wenn ich komme, dann wird es kalt. /
Ich bringe Schnee. / Ich bringe Eis. /
Erst friert der See und danach wird er weiß.

Je nach Rhythmusfähigkeiten setzen wir den Vers in Klatschrhythmen um. Die Sätze in der dritten Zeile beginnen immer erst nach dem Schritt!
Wir teilen uns in zwei Gruppen auf. Wer möchte und kann, klatscht den Rhythmus. Eventuell sprechen ein, zwei Kinder zur Unterstützung den Text mit. Die Pausen werden von den Anderen gefüllt durch ein Windgeräusch „sch“. Anschließend können wir das Klatschen durch dumpfe Trommelschläge (eine Decke aufs Fell hilft, warme dunkle Klänge zu erzeugen) und das Zischen durch Trommelreiben ersetzen.

Bildschirmfoto 2017-11-28 um 13.59.26


Schneeflocken fallen

Das Lied Schneeflocken fallen – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen bekannten Bewegungskanon – benennt den Weg der Schneeflocken vom Fallen aus allen Wolken bis zum Tauen und Versickern im Frühjahr.
Die einfache Kinderliedmelodie kann mit wenigen Tönen auf Stabspielen begleitet werden und wir können mit weißen Buntstiften auf schwarzem oder dunkelblauen Papier Schneeflocken zeichnen, die als Flocken jede einzigartig, aber immer sechseckig sind, zumindest so lange wir sie als Flocken erkennen. Sind sie geschmolzen und noch einmal gefroren, werden sie zu Wasser oder Eisklümpchen und mir müssen Fantasie gegen korrekte Naturbeschreibung abwägen, ob wir der Flocke etwas von ihrer Gestalt lassen.

Bildschirmfoto 2017-11-28 um 14.00.16

Bildschirmfoto 2017-11-28 um 14.01.01
Illustration Silke Reimers



Der vereiste See

Christian Morgenstern hat vor über einhundert Jahren ein Gedicht über eine Winterszene geschrieben, das wir vertonen können. Erst einmal brauchen wir dazu das Gedicht, das ein gut lesendes Kind oder die Lehrkraft vorliest. Danach liest jemand noch einmal jede Strophe einzeln vor. Wo sind Sätze, in denen eine Bewegung vorkommt, die man darstellen kann? Welche Stellen kann man hören? Wo sind Stellen, wo man sich Geräusche vorstellen kann, auch wenn man sie nicht hört, weil sie sehr leise sein könnten?

Bildschirmfoto 2017-11-30 um 09.40.43Illustration Silke Reimers

Je nach Klassensituation – Lesefähigkeit, Sprachkompetenz, Raumsituation usw. – können die Kinder selbst den Text bearbeiten, indem sie die Stellen unterstreichen, die klanglich umgesetzt werden können. Oder aber jeder einzelne Satz wird – ein drittes Mal – vorgelesen und wir setzen die Klänge, die wir uns vorstellen, sofort mit der Stimme um. Dann setzen wir Zeichen in den Text an der Tafel oder auf dem Smartboard, wo diese Klänge stattfinden sollen, jemand spricht den Text bis zu diesen Zeichen und wir setzen unsere Klänge ein. Sind Instrumente vorhanden – Naturfelltrommeln zum Reiben, Steine, Xylofon, Glockenspiel, Metallstäbe usw. – geben wir dem Wintergedicht eine Begleitung aus Instrumenten und Stimme und führen das z. B. der Nachbarklasse vor.
Ein Wort noch zur Sprachbildung: Vielerorts wird gefordert, die Kinder nur „richtiges Deutsch“ sprechen, lesen und schreiben zu lassen. Bei der Poesie kommen diese guten Absichten an ihre Grenzen. Wem es besonders wichtig ist, geschriebene Sprache nur im korrekten Bild zu benutzen, hat evtl. im Deutschunterricht Gelegenheit mit den SchülerInnen besondere Wörter zu kennzeichnen z. B. mit farbigen Unterstreichungen: Welche Wörter sind verkürzt, wo fehlt ein Buchstabe, welches Wort würden wir heute anders sagen usw.? Je nach Bildungsnähe der Kinder lässt sich nach einer Weile die dichterische Freiheit und die sprachliche Korrektheit immer besser auseinanderhalten.


Frosty, der Schneemann

Die populärsten nordamerikanischen „Weihnachtslieder“, die man immer wieder auf CD- Zusammenstellungen findet, sind eigentlich Winterlieder: Jingle Bells, Frosty the Snowman, Rudolph the Rednosed Reindeer, White Christmas, Winter Wonderland, Let it Snow und viele mehr.
Frosty wurde 1950 vom damals ungeheuer populären Gene Autry auf Platz sieben der US- Charts der Radioausstrahlungen, Jukebox-Bestückungen und ersten Schallplattenverkäufe geführt. Auf vielen heutigen US-Zusammenstellungen von Weihnachtsliedern ist auch Frosty zu finden.
Für die Schule gibt es ein paar deutsche Versionen, die alle die gleiche Traumfantasie beinhalten: Ein Schneemann (Frosty) wird den Kindern ein Freund, als sie ihn anlachen. Er spielt und tobt mit ihnen durch die ganze Stadt, bis er am Ende schmilzt und nur die Hoffnung zurücklässt, dass er im nächsten Jahr wieder da sein wird.
Hier ist eine Fassung aus dem Liederbuch Weihnachtslieder – Alle Jahre neu, das einige deutsche Singfassungen dieser amerikanischen Winterliedtradition enthält. Wie bei vielen Geschichtenliedern ist es ratsam, erst einmal entweder den Inhalt zu erzählen oder den Text als Gedicht vorzulesen. Dazu kann fantasiert werden. Eventuell haben die Kinder Alternativideen, was mit Frosty noch alles passieren kann. Ob man ihm eventuell ein so großes Kühlhaus bauen könnte, dass er über den Sommer kommt? Wie würde er sich auf einem Fahrrad machen? Wo überall muss man die Heizung abstellen, damit man mit Frosty dorthin gehen kann? Eigene Strophen zu machen ist schwer, aber schon der Gedankenaustausch lädt das Lied zusätzlich zum reinen Absingen auf.
Das Lied kann Satz für Satz eingesungen werden. Manchmal empfiehlt sich eine Präzisierung der Melodie durch Tonsilben (na, do, dim). Die letzten fünf Töne als Ritardando zu dehnen, gibt der Geschichte einen letzten Nachdruck.
„Hat dieses Lied mit dem Thema „leise“ zu tun? Versucht einmal die Frosty-Geschichte superdeutlich, aber leise zu singen, als sei sie euer Geheimnis. Es wird der Intonation gut tun und das Ganze verzaubern.“

Die Eiskönigin

Aus dem erfolgreichen Film Die Eiskönigin – völlig unverfroren nehmen wir gern eine Musik heraus und spielen sie als Szene. Es spielen etwa 15 Kinder und die anderen schauen zu. Nach dem ersten Spiel kann getauscht und gewechselt werden. Niemand muss mitspielen, aber jeder muss dürfen! Ob die ganze große Geschichte der Eiskönigin bekannt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Der Spielort ist ein Schloss im ewigen Eis, wo Trolle, in unserem Fall gute Sagenwesen, und Schneeflocken wohnen und eine unglückliche Prinzessin Elsa, die aus Versehen ihre Schwester Anna zu Eis verzaubert hat. Anna, die Schwester der Eisprinzessin Elsa, liegt auf einer blauen Decke und scheint zu schlafen. Um sie herum kauern sechs bis acht Trolle am Boden und in einem zweiten Kreis etwa ebenso viele Schneeflocken. Die Musik beginnt. Bei 0:04 richten die Trolle sich auf, schleichen umeinander, bleiben stehen, schauen sich um, schleichen weiter, ohne Anna in der Mitte zu sehen. Bei 0:34 baut die Musik sich auf und die Trolle machen sich langsam ganz groß und sehen in den Kreis hinein. Bei 0:40 stehen die Schneeflocken auf und tanzen um die Trolle herum. Ab 1:01 bewegen sich beide Gruppen in gegenläufigen Kreisen. Die Trolle strecken dabei ihre Arme beschwörend zu Anna hin aus. Die Schneeflocken wirbeln ihre Hände über ihren Köpfen herum ohne sich zu berühren. Bei 1:24 ziehen sich die Trolle zurück an den Boden, dann auch die Schneeflocken. Bei 1:34 richtet Anna sich auf, reckt sich, reibt sich die Augen und freut sich. Eine sehr kurze, teilweise sehr leise, sehr intensive Musik, bei der wir alle auch sehr leise und gespannt sein dürfen und müssen.

Bildschirmfoto 2017-11-28 um 13.58.50
Hier wohnt Prinzessin Elsa Illustration Silke Reimers


Der Bote

Noch einmal ganz leise: Der ukrainische Komponist Valentin Sylvestrov (*1937) schreibt heute Musik, die aus früheren Zeiten stammen könnte und doch ist sie ein kleines bisschen anders. Das Orchesterstück Der Bote von 1996 ist so ein Stück voller Melodien und Harmonien, die an Mozart oder noch ältere Musik erinnern. Sylvestrovs Hintergrund für dieses Stück ist die Erinnerung an seine verstorbene Frau Larissa. Für unser Thema Winter reicht es aus, zu fühlen, dass da eine alte Zeit durchschimmert. Mit dem Wehen des Windes am Anfang und dem allmählichen Auftauchen der Streicher- und Klavierklänge zieht für uns etwas heran, das man auch winterlich nennen könnte. Der Wind ist ein Bote, der Gedanken und Erinnerungen heranweht.
Wir können mit Wasserfarben (wie wär‘s mit blauen und grauen Tönen mit ein paar Schimmern Orange) den Linien der Musik folgen. Wer Schneeflocken dazu fantasiert, kann sie auch hineinbringen. Zu welcher Winterstimmung könnte das entstandene Bild zur Musik passen: lustig, unheimlich, verzaubert, glitzernd, verweht?