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Regen-Sprechstück

Praxisorientierte Musiklehre mit Spaß und körperorientiertem Musizieren

Rainer Kotzian

Der erste Umgang mit rhythmischen Strukturen in Verbindung mit Notenlesen beginnt bei der Entwicklung eines Gefühls für die Halbierung der Zeit, also z. B. die Teilung in Viertel-, Achtel- und Sechzehntelnoten. Anhand des Regen-Sprechstücks gelingt dies auf kindgemäß spielerische Art und Weise.

Das Regen-Sprechstück stammt aus dem Lehrwerk Mit Musik kenn ich mich aus – Musiklehre für Kinder, in dem es darum geht, Inhalte der allgemeinen Musiklehre durch aktives Erleben, durch Singen und Spielen, Lesen und Schreiben, Bewegung und nicht zuletzt durch Hören zu vermitteln. Anhand der folgenden Unterrichtseinheit wird eine Möglichkeit vorgestellt, wie Sechzehntelnoten im Bezug zu anderen Notenwerten eingeführt werden können. Wichtig dabei ist, dass dem Benennen dieser grundlegenden Notenwerte Viertel, Achtel, Sechzehntel und punktierte Achtel eine praktische Erfahrung vorangeht. So kann ein Verständnis der für Kinder abstrakten und komplexen Abhängigkeiten und Begriffe gesichert werden.


Klangwahrnehmung

Die Welt ist voller Klänge! Ob Vogelgezwitscher, Autogeräusche, Geschirrklappern oder Stimmen – fast immer hören wir etwas.
Alle sitzen im Kreis. Die Lehrkraft sagt: „Ich kann eine Stecknadel fallen hören.“ Die Redewendung wird ausprobiert. Als weitere Konzentrationsübung kann ein Papierblatt lautlos im Kreis herumgereicht werden. Ein Gespräch schließt sich an:
Was ist Stille?
Wo muss man still sein?
Ist es wirklich still, wenn niemand spricht? Das wird ausprobiert. Nach einer zuvor vereinbarten Zeit, z. B. 30 Sek., in der alle still sind, spielt die Lehrkraft einen Signalton als Zeichen, dass die Stille-Phase beendet ist. Gemeinsam wird gesammelt, was die Kinder gehört haben:
Atemgeräusche,
Vögel,
entfernter Verkehrslärm,
zufällig entstandene Geräusche im Raum ...
Die Lehrkraft erzählt vom Komponisten John Cage, der ein dreisätziges Stück geschrieben hat, in dem lediglich der Begriff „tacet“ (lateinisch: er/sie/es schweigt) steht. Der Begriff wird erklärt. Dann werden Vermutungen ausgetauscht, warum John Cage das Stück wohl geschrieben hat.

Die Lehrkraft spielt "Stille"

Nun wird darauf geachtet, was man hören kann, wenn alles still ist. Zu Beginn geschieht dies über eine Zeitspanne von 15 Sek., später kann auf 30 Sek. ausgedehnt werden. Die Lehrkraft kündigt an, dass die Kinder nun einige Geräusche hören werden. Mit geschlossenen Augen sollen sie sich merken, welche Geräusche die Lehrkraft erzeugt und in welcher Reihenfolge sie zu hören sind. Geräusche können sein: sich an der Hose kratzen, sich räuspern, husten, laut einatmen. Mit dem Signalton beendet die Lehrkraft die Stille-Phase.

Die Kinder spielen "Stille"

Jedes Kind denkt sich ein Geräusch aus, das es innerhalb der 30 Sek. genau einmal spielen soll. Die Kinder schließen die Augen. Damit nicht alle ihr Geräusch gleichzeitig spielen, tippt die Lehrkraft die Kinder einzeln leicht an, damit sie ihr Geräusch ausführen. Der Signalton beendet die Stille-Phase. Im Anschluss wird geraten, was gehört wurde. Es kann auch ein Durchgang mit geöffneten Augen durchgeführt werden.

Musikalisches Unwetter

Nun wird ein Unwetter gestaltet: Einzelne Tropfen werden entweder durch Fingerschnipsen oder durch Fingertippen auf den Rücken der anderen Hand erzeugt. Daraus wird leichtes Händeklatschen, dann Patschen. Gemeinsam wird überlegt und ausprobiert, wie Blitz und Donner oder Hagel imitiert werden können. Dann wird ein gemeinsamer Ablauf festgelegt, in den die Kinder auch ihre eigenen Erfahrungen mit Gewittern einbringen können.
Was kommt zuerst: Blitz, Donner oder Regen?
Wie viel Zeit vergeht zwischen Blitz und Donner?
Wer gibt das Zeichen für einen Blitz? Wie viele Sekunden sollen zwischen Blitz und Donner jeweils vergehen, wenn sich das Gewitter erst langsam annähert? Ein möglicher Ablauf könnte so aussehen:
Mehrmaliges entferntes Donnern.
Jedes Mal gibt ein anderes Kind ein „Blitzzeichen“ und zählt danach stumm zeigend die Sekunden.
Dazwischen langsam einsetzender Regen, zuerst durch einzelne Tropfen.
Näheres und deswegen lauteres Donnern.
Der Regen wird stärker und stärker, entwikkelt sich zu einem Hagel.
Mehrmaliges lautes Donnern ohne Abstand zu den Blitzzeichen.
Das Gewitter wird wieder schwächer.

Regen-Sprechstück

Nun wird zum Vergleich eine andere Variante probiert, denn nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit den Lippen kann man Regenklänge erzeugen. Die Lehrkraft macht die folgenden Klänge vor und erläutert die Technik auch verbal:
„b“ – Drehe deine Lippen leicht ein, drücke sie aufeinander und öffne sie dann mit einem „plopp“! Wie ein Regentropfen klingt das.
„p-t“ – Sprich „p“ und „t“ im Rhythmus der Achtelnoten und lasse dabei nur wenig Luft entweichen! Wie leichter Regen soll es klingen.
„t-k“ – Sprich „t“ und „k“ im Rhythmus der Sechzehntelnoten und lasse dabei viel Luft entweichen! Wie starker Regen soll es klingen.
„wzzz-p-t wum-p-t“ – Das „zzz“ soll scharf klingen − und alles zusammen wie Blitz, Regen und Donner.
Die Lehrkraft spricht das Stück einmal bis zum Ende der ersten Klammer vor (Takte 1 bis 8) und lässt die Kinder dann erklären, wie der Ablauf ist. Dann spricht die Lehrkraft alles noch einmal, die Kinder machen mit. Mit dem zweiten Durchgang und der variierenden Klammer 2 verfährt die Lehrkraft gleich: einmal vorsprechen, analysieren lassen und mit allen gemeinsam noch einmal sprechen. Dann werden beide Durchgänge ohne Unterbrechung aneinander gereiht. Mit erfahrenen Gruppen kann auch ein Kanon ausprobiert werden, bei dem entweder die 2. Stimme um eine Viertelnote versetzt einsetzt oder beliebig viele Stimmen zeitlich frei voneinander versetzt einsetzen und somit ein richtiges Regenchaos entsteht!

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Notenlesen

Dann betrachtet die Lehrkraft gemeinsam mit den Kindern die Tabelle mit den Abhängigkeiten der Notenwerte zueinander und fordert die Kinder auf, den Notenwerten die entsprechenden Regenklänge zuzuordnen („b“ – Viertelnote, „p-t“ – Achtelnoten, „t-k“ – Sechzehntelnoten). Dann wird das Notenbild des Regen-Sprechstücks entsprechend analysiert und auch die spezielle Rhythmik bei Blitz und Donner erläutert (punktierte Achtelnoten).
Zum Abschluss wird der Infokasten zu den Wiederholungsklammern und -zeichen gelesen und die nachfolgenden Aufgaben gemeinsam – oder teilweise auch als Hausaufgabe – von den Kindern gelöst.

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